Journey Review – Kommst du mit auf die Reise?

Eine namenlose Gestalt, scheinbar verloren in den großen Weiten der Wüste. Ein klares Ziel vor Augen. Der Berg am anderen Ende des Horizonts. Warum dieses Spiel eine Reise wert ist und die Bedeutung des Lebens.

Zugegeben: Ich hätte Journey nicht gespielt, wenn es nicht gerade im PSN Store gratis gewesen wäre. Und das wäre ein Fehler gewesen.

Die Bedeutung von „Journey“, die Geschichte dahinter, steckt im Titel und in jedem Sandkorn, dem wir auf dem Weg zu den Credits begegnen.
ThatGameCompany hat ein kleines Meisterwerkchen geschaffen, das tief unter die Haut geht und eine Schönheit beinhaltet, die weit tiefer reicht als die umwerfend visuelle Welt, die uns grafisch präsentiert wird.

In „Journey“ spielen wir eine namenlose Gestalt, sie wirkt beinahe ausgesetzt in den Weiten der Wüste. Die namenlose Gestalt hat jedoch ein Ziel vor Augen: Der große Berg am Horizont. Auf dieser Reise begleiten wir die namenlose Gestalt und am Ende wirkt es wie eine Reise zu einem selbst.
Das Spielprinzip ist einfach, zu Anfangs jedoch leicht verwirrend. Auf gewohnte Weise steuert man die Gestalt auf ihrem Weg durch die Wüste und stößt dabei immer wieder auf Ornamente, Teppichfetzen, die einem magische Kräfte verleihen und einen so Fliegen lassen. Sichtbar gemacht durch den Schal der Spielfigur, der länger wird, wenn man zu bestimmten Lichtquellen gelangt. Je länger der Schal, desto stärker die Kräfte und desto größer die Fähigkeit, sich unbeschwert und zwitschernd in die Lüfte erheben zu können.

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Die Reise zum Berg muss man nicht allein beschreiten. Zumindest zeitweise. Bei bestehender Internetverbindung kann jeweils ein weiterer Spieler die kleine Welt betreten, man wird zu Partnern und hilft sich gegenseitig. Der Witz an der Sache: Man kann weder durch Text noch durch Sprache, lediglich durch Zwitschertöne der Gestalten miteinander kommunizieren. Erst am Ende der Credits erscheint auf dem Bildschirm der Name der Menschen, die man auf seinem Weg getroffen hat. Und das einzigartige Konzept funktioniert.
Ich als kein Fan von Multiplayern habe mich noch nie so schnell auf einen Mitspieler eingelassen wie in „Journey“. Im Gegenteil: Teile des Spiels, die ich allein bestreiten musste, kamen mir einsam und traurig vor. Wenn ich auf einen Mitspieler stieß, zwitscherten wir uns sofort ein paar Töne zu und bestritten die nächste Quest gemeinsam. Auf das eigene Leben übertragen, zeigt Journey was wir im Leben wirklich brauchen und suchen. Suchen wir nicht alle eine Person, mit der wir unsere Reise gemeinsam bestreiten können? Eine Person, die uns hilft, das Unbekannte zu betreten?
ThatGameCompany verdeutlicht uns das auf subtile Weise, was eine bleibende Wirkung hinterlässt.

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Außer der Interaktion mit einem Mitreisenden, gibt es noch andere Interaktionen mit den Kreaturen der Spielwelt. Fliegende Teppichwesen, die fast leblos durch die Lüfte schwirren. Aber wenn man durch die Zwitscher Töne zu ihnen singt, fangen sie an zu leuchten, umschwirren einen glücklich, zeigen einem den Weg und geben Leben zurück. Der Mensch wird hier als viel mehr porträtiert, als nur der Zerstörer der Welt. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur, das Zusammenleben zweier Spezies die sich gegenseitig brauchen und unterstützen.  Wir haben das Potenzial Leben zu spenden und im Gegenzug Leben zu empfangen. Das sollten wir klug einsetzen.

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Für so ein kurzes Spiel, steckt so viel Liebe im Visuellen. Die Grafik ist atemberaubend und man wird dazu veranlasst nicht schnöde „durchzurushen“, sondern innezuhalten und die Welt intensiv in sich aufzunehmen. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten, Sonne, die auf den sandigen Grund fällt und diesen zum Glitzern bringt – ein absoluter Augenschmaus. Man will abtauchen und den Kopf auf gute Art und Weise „in den Sand stecken“.
Was optisch wundervoll aussieht, geht auch auf die Ohren. Der für den Grammy nominierte Soundtrack von Austin Wintory, der auch bei The Order: 1886 oder Assassin’s Creed Syndicate wortwörtlich seine Hände im Spiel hatte, untermalt die Spielwelt auf perfekte Art und Weise, ein grandioses Zusammenspiel von Optik und Akustik.

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„Journey“ist eines dieser Spiele, die den Spieler nicht an der Hand nehmen. Man ist allein auf sich gestellt, wohin es geht, welcher Weg der richtige ist..
So erschließt sich auch die Story nicht auf den ersten Blick.
Und so ist auch die Bedeutung des Lebens, dass sich die Bedeutung nicht erschließt. Alles was zählt, sind Erfahrungen und Erlebnisse.
„Journey“ ist nicht nur die Reise durch die Wüste zu einem Berg. Es ist die Reise durch das Leben.
Man beginnt allein, verwirrt und hat keine Ahnung, was der Grund für sein Dasein ist. Wie etwa als Baby wagt man seine ersten Schritte rein ins Leben, vorsichtig, zaghaft. Dann beginnt man die Welt zu entdecken. Man wächst auf, wird größer, der Schal unserer Spielfigur wird länger und die magischen Kräfte beginnen sich zu verstärken. Du reist weiter. Du lernst mehr über dein Ich, deine Kultur und deine Umgebung. Du surfst übermütig über Wellen aus Sand, die genauso gut Wasser sein könnten. So übermütig, wie ein junger Erwachsener auf dem Weg in die Selbstständigkeit suchst du das Abenteuer und neue Eindrücke.
Zeitweise holt dich die Dunkelheit ein, du befindest dich im Abgrund, umgeben von mysteriösen Kreaturen und Monstern, die dir dein Leben rauben wollen und deinen kostbaren magischen Schal verkürzen. Es ist ein dunkler und gruseliger Ort. Eine Herausforderung vom Abgrund aus wieder ans warme Licht zu gelangen. Erwachsen sein. Schwierigkeiten entgegen sehen. Doch du findest wieder Begleiter, die dich nach oben bringen. Neue Lichtquellen, Inspirationen, die deinen Schal erneut wachsen lassen und das verloren gegangene Stück ausgleichen.
Bald darauf betrittst du einen vom Schnee zerstöberten Bergabschnitt und eiskalter Wind bläst dir ins Gesicht. Das Vorankommen ist schwer, du kommst immer wieder vom Weg ab und deine Glieder schmerzen. Du bist alt und das Leben scheint ein Ende zu haben als du dich kraftlos in den Schnee fallen lässt und dich das weiße Licht einholt. Dieser Platz ist nicht schön. Es gibt keine Schönheit, nur Hoffnungslosigkeit. Doch im letzten Moment bekommst du neues Leben eingehaucht, eine zweite Chance deine Quest zu vollenden. Die Welt hat ihre Schönheit zurückerlangt und du fliegst durch die Wolken, weiter auf dein Ziel zu, die Spitze des Berges vor deinen Augen.
Dann bist du angekommen und ganz im Frieden mit dir selbst und der Welt, dein Schicksal akzeptierend, schlüpfst du ins weiße und alles einnehmende Licht.
Du weißt nicht wofür du da bist, was der Zweck des ganzen war und du bist okay damit. Zufrieden. Du hast so unglaubliche Schönheiten gesehen, dass die letztendliche Bedeutung nicht mehr größer sein kann als das.

Die Bedeutung von „Journey“ ist eigentlich viel mehr die Bedeutung des Lebens. Es gibt keine, keine andere als Erlebnisse. Es gibt keine andere Bedeutung, als dass die Schönheit überall liegen kann. Sowohl als im Leben, als auch im Tod. Im Triumph, als auch im Abgrund, in der Glückseligkeit als auch in allergrößter Traurigkeit.
Du musst runterkommen, innehalten und das realisieren.
Die letzte Message von „Journey“, wenn deine Reise endet, beginnt eine neue. Egal wo. Ob in einem zweiten Leben, als Reinkarnation oder die Reise von jemand anderem. Wenn ein Leben endet, beginnt ein neues.

Die Bedeutung des Lebens ist keine, die man in einem Satz zusammenfassen kann. Man muss die Bedeutung erleben.

Journey ist eine Reise und dein Leben ist deine eigene Reise. Trau dich. Es erwartet dich eine Schönheit, die du so vorher nie erfahren hast. Reise sie. 

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Titel: Journey
Erscheinungsdatum: 13. März 2012
Entwickler: ThatGameCompany
Publisher: Sony Interactive Entertainement
Plattformen: PS3, PS4
Preis: Zwischen 15 und 30$ (Gratis Spiel im September 2016 mit PS+)

 

 

2 Kommentare zu „Journey Review – Kommst du mit auf die Reise?

  1. Ich habe das Spiel ja bereits im Stream ein wenig bestaunen dürfen, aber jetzt wühle ich mich noch einmal durch dieses formidabel zu lesende Textwerk.
    Nachdem ich nicht wirklich verstanden habe, welche Intention genau hinter dem Spiel steckt, bin ich doch dezent begeistert, wie viel Tiefe dahinter steckt, denn so wie du es beschreibst, ergibt es einen Sinn.
    Sei es der Weg zum Berg oder aber auch der wachsende Schal. Jedes Detail lässt sich in die Geschichte eingliedern.
    Ganz besonders gefällt mir, aber die Idee, dass man einen Mitspieler hat, den man nicht kennt und mit ihm nur beschränkt kommunizieren kann. Es wird auf das Wesentliche reduziert und dennoch oder vielleicht sogar deswegen kann man dann gemeinsam den Weg beschreiten und das nächste Rätsel bzw. das nächste Hindernis meistern kann.
    Leben spenden und Leben empfangen. Das hat für mich etwas Befreiendes. Man kann nicht nur gierig nach etwas greifen, sondern man selbst muss etwas geben, hat aber gleichzeitig die Gewissheit, dass nicht gierig danach gegriffen wird und man selbst eine Gegenleistung bekommt. Das ist doch etwas, das der Mensch in seinem Alltag nur noch selten erlebt. Umso schöner, dass es dafür in der Realität des Spiels existiert.
    Vielleicht ist genau das die Intention des Spiels. Eine virtuelle Reise durch das Leben, die einem selbst bewusst werden lässt, was im Leben wichtig ist. Dass man eine zweite Chance bekommt und auf einen Sturm der Sonnenschein folgt. Dass man immer weiterkommen kann.
    Dein letzter Abschnitt fasst es in einer wunderschönen Weise zusammen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Gefällt mir

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